Tele-Journalismus
 
Was macht es mit den Journalisten und dem Journalismus, wenn das „Arbeiten von Zuhause“ zur Regel wird? Dazu zwei Artikel aus der Innensicht:
Letzterer stamm übrigens nicht von der Stuttgarter Zeitung, sondern von dpa (Deutsche Presse Agentur), einer der wichtigen Nachrichtenquellen für deutsche Medien.
Dass man in der gegenwärtigen Virus-Krise versucht jeden Menschen vor Ansteckung zu schützen, ist richtig und sollte selbstverständlich sein. Da wohl niemand auf diese Situation gut vorbereitet war, ist auch verständlich, wenn mal etwas nicht so gut gelingt, wie gewünscht. Das wäre bei der gegenwärtigen Krise eher überraschend.
Aber was wird sein, wenn die Krise vorbei ist? Wird man dann – weil es ja durchaus bequem sein kann – auf den persönlichen Kontakt mit Menschen eher verzichten, als vorher? Was würde das bedeuten?
Ein Blick zurück
In den 45 Jahren, in denen ich als Journalist tätig war, hat sich sehr viel verändert. Alte Kollegen erzählten mir, dass sie am Anfang ihrer Arbeit noch mit einem Tontechniker zu Interviews gingen, der dann für eine einwandfreie Aufzeichnung sorgte, während sich der Journalist ganz auf die Inhalte des Gesprächs konzentrieren konnte.
Meine ersten Beiträge waren Texte, die der Moderator der Sendung verlas. Musste es schnell gehen, diktierte man sie telefonisch Stenografen im Sender. Sonst reiste der Text per Post.
Als ich den Beruf (vorwiegend für den Hörfunk) intensiver und erfolgreicher betrieb, holte ich mir vor einem Ortstermin in der Technik des Senders ein Bandgerät (oft Uher Report) samt Mikrophon. Dass ich vorher in einem Filmstudio den Umgang damit gelernt hatte, war für mich ein Vorteil. Zuhause notierte man dann die Teile, die man verwenden wollte, schrieb seinen Text und fuhr damit zum Sender um dort die „Originaltöne“ auf „Schnürsenkel“ (Studioband) umzukopieren und auszuputzen (Räuspern, Versprecher, Geräusche herausschneiden). Dann sprach man oder ein Sprecher in einem Studio seinen Text, der entweder gleich mit den fertigen Originaltönen zusammen aufgenommen wurde, oder – falls die Aufnahme vor dem Schnitt-Termin lag, schnitt man hinterher fremde und eigene Teile zusammen.
Zwei Typen von Beiträgen
Dass fertige Beiträge meist „gebaut“, also aus Teilen zusammen gesetzt werden, ist heute üblich, egal ob früher mit Hilfe von Film, Tonband, Kassetten, Minidisk oder heute mit digitalen Speichermedien. Nur sehr wenige Leute beherrschen die Live-Reportage, bei der es keine Möglichkeit zur Korrektur gibt, sondern alles auf Anhieb sitzen muss. Dafür bewundere ich die Sportreporter für ihre Geistesgegenwart. Auch ein gutes Interview wird dabei, wie eine Sportreportage (wenn möglich) ausgiebig vorbereitet. Man muss sich im Thema auskennen, um einem Gesprächspartner wirklich interessante (und nicht nur erwartbare) Informationen zu entlocken. Der größte Teil der Arbeit findet hier also vorher statt, während man beim gebauten Beitrag hinterher noch viel „retten“ kann, und sei es durch Geräusche, Musik, oder Archivmaterial.
Der Anteil der Technik hat zugenommen
Genügte früher oft ein Manuskript, oder ein mit Hilfe der Tontechnikerinnen gebauter Beitrag mit ausgeliehener Technik (Bandgerät und Mikrophon), müssen heute die meisten Journalisten mit eigener Technik die Aufnahmen machen, zuhause am Computer schneiden und über das Internet (wenn es eine ausreichende Leitung gibt) in den Sender übermitteln. Also Technik und deren Beherrschung, Schnitt, Sprechen und Schneiden, sowie Übertragung, die einst alle vom Sender übernommen wurden, kamen hinzu. Dabei beklagte schon vor Jahrzehnten ein Techniker, dass leider immer nur diejenigen die Unterweisungen im Gebrauch der Technik besuchten, die sie eigentlich nicht brauchten, während die, die sie nötig hätten, nie kämen.
Dabei soll nicht bestritten werden, dass die Technik enorme Fortschritte gemacht hat, so dass heute viele meinen, sie könnten mit einem Smart-Phone Studio-Qualität liefern, ohne sich um  Details kümmern zu müssen. Es gibt Software, die man Interviewpartnern zusendet, so dass diese über ihr Smart-Phone Interviews in guter Qualität geben können. Der Ü-Wagen ist für Sprachaufnahmen schon lange nicht mehr notwendig. Und Fotos oder kurze Videos soll der Journalist auch noch in die Redaktion liefern
Damit hat sich aber die Arbeit des Journalisten weg vom Denker und Fragesteller, vom Augenzeugen immer mehr hin zum Techniker verlagert, die dafür in den Funkhäusern entlassen wurden. Journalisten müssen immer mehr Voraussetzungen erfüllen und Technik kaufen, um Funk oder Fernsehen machen zu können. Selbst die, die für Zeitungshäuser arbeiten, mussten erst in Fax und später in Rechner und Internet investieren Außerdem wurde der Zeitdruck immer größer. Das einzige woran der Journalist heute noch sparen kann, ist daher die Qualität seiner Ausrüstung und an der Recherche.
Fragwürdige Entwicklung
Als ich vor über zehn Jahren noch persönlich nach Berlin zu einem Interview fuhr, löste das Erstaunen aus, weil ich für dieses eine Interview fast zwei Tage unterwegs war. Aber mir war es wichtig den Menschen im Gespräch zu erleben, um zu spüren, wie er denkt, wo er unsicher ist, oder wo er sich um eine Antwort herum mogelt, aber auch, was für ein Charakter er ist. Ein geübter Hörer kann das teilweise auch heraus hören, aber nicht, wenn der Beitrag nachher nur die Filetstücke des Interviews verwendet und die Denkpausen, Ähs, Pausen, Versprecher und sprachlichen Umwege heraus geschnitten wurden.
Auch die Umgebung des Menschen, den man interviewt verrät einem viel über seine Art zu leben und zu denken. Sein Verhalten sowieso. Wer dem Journalisten gönnerhaft auf die Schulter klopft, der meint dass dieser brav transportieren werde, was man selbst verkünden möchte. Wer mit Kaffee und Kuchen bewirtet, verrät unter Umständen, dass es ihn freut endlich mal Gehör zu finden. Wer zum Interview nach Hause kommen lässt, gibt sich zwar eine gewisse Blöße, aber zeigt auch, dass er nichts zu verbergen hat und manchmal auch, dass ihm Gastfreundlichkeit und menschlicher Kontakt wichtig sind. Bei Professoren verrät das Institutsgebäude und die Räumlichkeiten manches über ihr Ansehen in der Hochschule, oder über das Ansehen des Faches, aber auch über die eigene Einstellung zur Arbeit.
All das fällt als Hintergrundinformation für den Journalisten weg, wenn man dem Menschen nicht persönlich begegnet. Deshalb galt früher ein Telefoninterview als Notbehelf, wobei auch die geringe Tonqualität eine Rolle spielte. Aber was soll man machen, wenn der Interviewte in einem anderen Erdteil lebt und der Beitrag keine Reise dorthin rechtfertigt?
Vom Augenzeugen zum O-Ton-Hohler
Vor ca. 30 Jahren sollte ich mal einen O-Ton (Originalzitat) von einem Gewerkschaftsführer für die Abendnachrichten hohlen. Eine wenig beliebte Tätigkeit, sowohl wegen der geringen Bezahlung, aber auch weil man kaum den eigenen Anteil am Ergebnis sieht. Der Mann gehörte zu den wenigen Menschen, die ihre Meinung (Statement) auf Anhieb sprechen konnte. Er fragte, wie lang sein Zitat sein wolle, nahm seine Armbanduhr in die Hand, schaute drauf und gab ein druckreifes Zitat in der gewünschten Länge. Das blieb in 45 Jahren eines Ausnahme. Ihm war klar, dass seine Meinung wohl nicht mehr geschnitten werden würde, wenn er die gewünschte Länge lieferte. Das war für mich eine Arbeitserleichterung, aber eigentlich kein Journalismus mehr. Es war das Hohlen eine Schnipsels für das Programm ohne Einfluss auf den Inhalt.
Unter dem gewachsenen Zeitdruck und der durch Konkurrenz und Sparsamkeit verschlechterten finanziellen Lage der Freien Journalisten, die ungefähr 80% der Beiträge liefern, sind viele dazu über gegangen nur noch das zu tun. Ich nahm das zuerst beim Fernsehen wahr, als die Kollegen mit einem klaren Plan zu Pressekonferenzen oder Ereignissen kamen, dem sich die Gesprächspartner letztlich unter zu ordnen hatten. Keine Ergebnis-offene Recherche, nein ein Abarbeiten eines Planes, der bereits vor dem Ereignis gefasst worden war.
Beim Hörfunk griff das auch immer mehr um sich. Ein Kollege kam zu später zur Pressekonferenz, schimpfte über den Pförtner, der ihn nicht herein gelassen habe, wollte dann ganz schnell und vor allen anderen Kollegen ein, zwei Statements und brach damit wieder auf, ehe die Veranstaltung beendet war. Unkollegiales Verhalten wäre noch das Mindeste, was man dazu sagen müsste. Es war just derselbe Kollege der wegen seiner Arbeitsweise bei einer Tagung, die er ebenfalls nur kurz besucht hatte, Falsches berichtete, weil er eben einen der Vorträge, der die Dinge zurecht rückte, nicht gehört hatte. Hier zeigt sich, wie durch veränderte Arbeitsweisen die Qualität sinken kann.
Dabei sind Tagungen ein Härtetest, denn sie verlangen eigentlich vom Journalisten, dass er sie sich ganz antut, um ein gutes Gesamtbild für die Mediennutzer liefern zu können. Eine Zusammenfassung des Tagungsleiters – selbst, wenn sie gut ist – ist journalistisch fragwürdig. Dass man bei Tagungen an die Grenzen des Aufnahmevermögens kommen kann, ist unbestritten und erfahrene Journalisten können sich manchmal an Hand der Kurzfassungen der Vorträge die Wichtigsten heraus picken. Aber oft erfährt man eben in Pausengesprächen oder beim Essen Dinge, die offiziell gar nicht zur Sprache kommen, aber bemerkens- und manchmal auch berichtenswert sind.
Wer gerade bei Tagungen als Journalist sorgfältige Arbeit leisten will, muss aus großen Mengen Material das heraus picken, was für die Nutzer wertvoll und wichtig ist. Das ist anstrengend und macht viel Arbeit. Wenn aber bei einer mehrtägigen Veranstaltung nachher nur ein kurzer Beitrag bezahlt wird, dann ist die Versuchung groß so zu arbeiten, wie der erwähnte Kollege. Gute Journalistische Arbeit sähe anders aus und erfordert sowohl Vor- als auch Nachbearbeitung, die oft nicht bezahlt werden.
Ähnlich ist das bei kulturellen Themen. Wer liest denn noch vor einer Vorstellung den zugrunde liegenden Text, oder kann Noten lesen, oder merkt, wenn ein Ton nicht getroffen wird? Das sind nur noch die wenigsten und oft nicht journalistische Profis, sondern durchaus kompetente Liebhaber und Laien, die sich über ein Zubrot freuen, aber eigentlich nicht fair bezahlt werden, wenn sie – was vorkommt – hervorragende journalistische Leistung bringen.
Ich kenne einen Sender, der sagt, dass man nur noch positive Buchkritiken bringe. Für den Journalisten bedeutet das, dass er das Buch erst einmal auf Verdacht lesen muss und dann, wenn er es für gut hält, eine Rezension anbieten kann. Buchkritik ist das nicht mehr, sondern Verkaufsförderung mit hohem Risiko für den Journalisten, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt, denn Kritik bedeutet Unterschiede beschreiben und wird schon daher nur selten ganz positiv sein. Einen Verriss gibt es bei dieser Redaktion nicht mehr, oder er wird nicht gesendet und der Journalist hat umsonst gearbeitet. Auch so kann man einen Ruf und Beruf ruinieren.
Es sind nicht nur Journalisten, die sich das Leben leichter machen wollen, sondern es sind  die finanziellen Rahmenbedingungen, die sie dazu drängen immer schneller und damit auch meist oberflächlicher zu arbeiten. Wie soll ein Pressefotograf von seiner Arbeit leben, wenn dpa nur noch 2 Euro für ein Bild bezahlt, das er vom Ort des Geschehens direkt liefern soll, also auch entsprechende Ausrüstung mitschleppen muss. Verlage und Sender sind mit ihrem Sparkurs durchaus mitschuldig an dieser Entwicklung. Für Online-Redaktionen wurde oft die Parole ausgegeben, dass die Bilder nichts kosten sollten. Die Fotografen sollten also auf ihre Bezahlung verzichten. Ähnlich ist es bei der Verwendung von Musik, die oft ebenfalls „kostenlos“ sein soll, also Musiker und Komponisten ausbeutet. Über Qualität braucht man da nicht mehr zu reden.
Der Virus fördert die Entmenschlichung des Berufes
All diese Entwicklungen weg von der persönlichen Begegnung, weg von der Rolle des Augenzeugen (im Auftrag des Nutzers), laufen bereits seit Jahren. Die durch den Virus ausgelöste Krise mit dem Arbeiten von Zuhause verstärkt sie nur noch. Was wegen der Pandemie zur Zeit gerechtfertigt ist, könnte so zur Gewohnheit werden, oder den Trend zum Verzicht auf Augenzeugenschaft und persönlicher Begegnung verstärken.
Es gibt bereits Kommentare in Richtung Wirtschaft, dass sie nun endlich einsehen müsse, wie gut „Home-office“, die Arbeit zuhause, funktioniere. Das würde der Wirtschaft ja das Einsparen von Büroarbeitsplätzen erlauben, aber sie weiß wohl – abgesehen von Misstrauen gegenüber den eigenen Mitarbeitern – dass Arbeiten ohne persönliche Begegnung Problem bereiten kann. Als ein Fraunhofer-Institut in Stuttgart einen Teil des Institutes in ein experimentelles Büro verlegte, fühlten sich die Mitarbeiter dort so abgeschnitten, dass man eine Kamera samt Standleitung ins Institut aufbauen musste, um ihnen das Gefühl des Abgeschnitten-seins zu nehmen. Der Artikel der ZEIT beschreibt auch nur, wie es eingespielten Teams gelingt zur Not auch verstreut und allein zu arbeiten. Wie aber sollte ein neuer Kollege, der noch niemanden kennt, in dieser Situation Kontakte knüpfen und seinen Platz in der Redaktion finden?
Würden die Firmen ihre Mitarbeiter im Dauerbetrieb Zuhause arbeiten lassen, dann sparten sie zwar Büros, aber der Staat müsste das Arbeitszimmer zuhause steuerlich anerkennen und die Wohnungsnot würde – wegen des zunehmenden Platzbedarfs – noch größer. Es würden also Kosten von den Unternehmen auf die Mitarbeiter und die Allgemeinheit abgewälzt.
Auch im SWR-Interview spielt der Glaube, dass jeder ersetzbar sei, eine Rolle. International arbeitende Konzerne machen jedoch immer wieder ganz andere Erfahrungen, weil es immer Menschen gibt, die gut mit einander können und andere, die sich nicht mal fehlerfrei verstehen. Dieser Irrglaube scheint von Menschen kommen, die die persönliche Begegnung und das persönliche Engagement gering schätzen, und sei es, weil sie selbst dazu kaum fähig sind.
Wer sich mit Verhandlungen auskennt, weiß, wichtige Entscheidungen oder Durchbrüche werden manchmal auf dem Klo, oder in einer Kaffeepause gefunden. Das ist ein Grund dafür, dass sich Videokonferenzen so wenig durchgesetzt haben: Es fehlt die menschliche Begegnung am Rande. Sie sind ein Notbehelf und sparen den Beteiligten Reisekosten. Dienstreisen sind  nicht nur ein Statussymbol, sondern haben die Funktion menschliche Beziehungen zu pflegen.
Es wäre interessant zu untersuchen, ob der durch die Pandemie erzwungene Verzicht auf Tagungen, Kongresse und persönliche Begegnungen sich in der Qualität der Entscheidungen spiegelt. Es steht zu befürchten, zumindest, wenn es um den Austausch von Wissen und Erfahrungen geht.
Isolation ist nicht Menschen-gemäß
Da der Mensch ein soziales Wesen ist und nur durch Zusammenarbeit überlebte, gehört die Begegnung mit anderen Menschen zu den vier wichtigsten Grundvoraussetzungen für ein gelingendes, glückliches Leben: Schlaf, Ernährung, Mitmenschen und einen „Sinn im Leben“. Deshalb fällt es vielen Menschen auch so schwer jetzt auf menschliche Kontakte zu verzichten. Das ist eigentlich bekannt und auch, dass Einzelhaft fast an Folter grenzt (was die RAF weidlich propagandistisch ausnutzte). Viele spüren, dass man  Begegnungen mit Mitmenschen braucht und nicht umsonst befürchtet man ein Ansteigen der Suizid-Rate, einerseits durch die Einsamkeit und andererseits, weil Entlassungen ebenfalls dazu führen und die Wirtschaft und alle werden unter den Kosten des weitgehenden Stillstandes leiden.
Um so wichtiger ist es, dass man diese Art des dezentralen unpersönlichen Arbeitens kritisch betrachtet und darauf drängt, dass man nach der Krise wieder zu Arbeitsweisen zurück kehrt, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen (nicht auf Gewinnmaximierung) ausgerichtet sind. Wie die Wirtschaft, hat auch der Journalismus den Menschen zu dienen. Das wird nach der Krise heißen, dass man auch mit gutem Beispiel voran geht und die menschlichen Beziehungen wieder mehr wert schätzt und pflegt. Tele-Journalismus ist ein Notbehelf. Normalerweise müssen Journalisten als Augenzeugen dahin, wo etwas passiert!
 
 
Carl-Josef Kutzbach
Dienstag, 24. März 2020