Eier-legende Wollmilchsau
Trimedialer Journalismus
 
Journalisten sollen, wenn es nach den Führungsetagen ginge, sich so verhalten, wie die berühmte, frei erfundene bayerische "Eier-legende Wollmilchsau". Sie sollten alles liefern, was Verlag oder Sender wünschen und dafür mit spärlichem Futter zufrieden sein.
Eine Untersuchung ergab bei einem Öffentlich-rechtlichen Sender, dass 80% des Programms von so genannten "Freien Mitarbeitern" geliefert werden. Erst auf dem Weg über eine Klage kam heraus, dass deren Honorare in der Bilanz in den "Sachmitteln" versteckt waren, die 10% des Etats ausmachten. Dabei müssten Freie Mitarbeiter mehr als das Doppelte verdienen, um so viel zu verdienen, wie die Festangestellten.
Ein paar Beispiele für Kosten, die Freie selbst tragen mussten / müssen ( um sie vergleichbar zu machen umgerechnet auf die Zahl der Radio-Beiträge, die man dafür ungefähr braucht/e ):
  1.   Telefon, 1/4 monatlich
  2.     Anrufbeantworter 20
  3.     Mobiltelefon 6-8
  4.     Internetzugang erfordert Rechner und       Router 10-25 + 1/2 monatlich
  5.     Elektrische Schreibmaschine einst 45
  6.     Fax einst 20
  7.     Auto 3-5 monatlich; Anschaffung gebraucht oder neu 50-100
  8.     oder Deutschlandticket 2/3 monatlich
  9.     Büro 2-5 monatlich
  10.     Aufnahmegerät 20 früher ( heute oft ersetzt durch Smart-Phone )
  11.     Studiotonbandgerät 20 + Anlage + Material 1-2 monatlich einst
  12.     Mikrofone 9 einst
  13.     Kamera 5 einst
  14.   Filmkamera, Schneidetisch, Studio ?
Diese unvollständige Liste zeigt, dass der Freie Mitarbeiter einen erheblichen Aufwand treiben muss, um überhaupt ein Thema anbieten und umsetzen zu können.
Ganz früher konnten die Freien beim Sender Geräte ausleihen und in den Studios des Senders die Beiträge bearbeiten, wenn entsprechende Räume frei waren. Damals brauchte man als Journalist weniger Technik, die obendrein in wenigen Jahren veraltete ( z.B. im Radio: Spulentonband, Kassettenrekorder, CD-Player und Aufnahmegerät, Aufnahme auf SD-Karten ).
Mit der technischen Entwicklung des Smart-Phones zu einem Allzweckwerkzeug wuchs der Druck auf die Journalisten dieses einzusetzen.
"Du bist doch sowieso da, schick uns doch ein paar Bilder!" fordern die Redaktionen, auch, wenn der Kollege am Ort keine Ausbildung als Fotograf hat. Dem entsprechend sehen viele Fotos in den Medien aus.
Hier ein Beispiel des SWR vom 1.1.2026:
Wen interessiert in diesem Zusammenhang der blaue Himmel, das blaue Hemd? Das Gesicht des Menschen, vor allem seine Augen möchte man sehen. Das kann die Automatik aber nicht "wissen", also belichtet sie so, dass die Helligkeit in der Summe stimmt.
Die Ausbildung zum Fotografen dauerte drei Jahre, auch das Schreiben guter Texte lernt man nicht über Nacht, sondern durch Üben und Korrigieren. Ein Texter in der Werbebranche ( auch eine Dienstleistung, wie Presse, Radio und Fernsehen ) war noch länger in der Ausbildung. Und ein Kameramann hatte ebenfalls drei Jahre Grundausbildung und bis zu sieben Jahre, ehe er die Ausleuchtung einer Szene bestimmen durfte.
Wenn heute Verlage und Sender "trimediales Arbeiten" fordern, das heißt, dass ein Journalist Text, Bild und Film liefert, dann müsste das eigentlich so bezahlt werden, als ob der Mitarbeiter 9-13 Jahre Ausbildung durchlaufen hätten. Das will aber niemand bezahlen. Es hat auch niemand diese Ausbildung. Also sparen die Veranstalter der Medien, auf Kosten der Mitarbeiter und der Qualität.
Das ist in Verlagen noch schlimmer, seit die sich in das Abenteuer "Internet" stürzten, zunächst alles kostenlos anboten, und bevor es in der Zeitung kam, und sich dann wunderten, weshalb das wirtschaftlich nicht funktionierte. Aber wie sie da wieder raus kommen könnten, hatten sie vorher nicht bedacht und waren nun zum Sparen gezwungen, was zu Lasten der Mitarbeiter ging, und zu Lasten der Qualität.
Die Qualität ist bei den Printmedien ziemlich stark, bei Öffentlich-rechtlichen Sendern nicht ganz so stark, aber leider eben doch auch gesunken. Die Verlage merken das durch geringere Auflage und weniger Werbeeinnahmen direkt, weshalb sie den Sendern das Leben schwer machen, weil sie deren Konkurrenz fürchten, da die meist noch einen etwas höheren Aufwand je Beitrag bezahlen können. Also sollen sie ihre gute, von Gebühren bezahlte Arbeit nicht so lange im Internet anbieten dürfen.
Dabei vernachlässigen die Printmedien die Berichterstattung über das Lokale, wo sie früher hervorragend sein konnten und manche Geschichte von dort in die überregionalen Medien gelangte.
Der Verzicht auf Lokalberichterstattung ist  ist für die Bürger, die Medien und die Demokratie schädlich, belegen Studien, aber die Verlage interessieren sich nur für die Finanzen. Hinzu kamen noch die so genannten "Sozialen Medien" ohne jegliche Kontrolle der Qualität, die deswegen eigentlich nur Gerüchteschleudern sind.
Dass Journalisten teils gezwungen, teils begeistert auf die Herausforderung "trimediales Arbeiten" reagierten, ist verständlich, weil die, die sich der Aufgabe bewusst waren, sich eingestehen mussten, dass sie ihr ( mangels Ausbildung ) nicht gewachsen waren, während die Anderen munter drauf los werkelten und keine Skrupel hatten auch mal Murks abzuliefern.
Da es in den meisten Redaktionen an Fachleuten mangelt, fällt das denen gar nicht mehr auf. Zudem muss es schnell gehen, damit man als Erster mit irgend einer Geschichte im Netz auftaucht. Daher unterbleibt das Korrekturlesen und Fehler werden immer weiter verbreitet. Damit sinkt die Glaubwürdigkeit der Medien.
Für die Journalisten bedeutet das, dass die meisten nie ausreichend verdienen, selbst, wenn sie gute Qualität liefern, und das hat zur Folge, dass sie am Ende in der Altersarmut landen, wenn sie nicht vorher in eine Festanstellung, etwa als Pressesprecher, wechseln können, die erheblich besser bezahlt wird.
Die „Eier-legende Wollmilchsau“, die Journalisten oft sein sollen, ist ein bayerisches Fabeltier, dass es nicht gibt, das aber missbraucht wird, um Journalisten um einen fairen Lohn für ihre Arbeit zu bringen.
 
 
Bild oben: SWR zum Thema „Alte Telefonzellen“ am 17.1.2026. Das Foto ist wahrscheinlich mit einer Automatik aufgenommen worden. Die Telefonzelle ist im Schatten und der Hintergrund halbwegs richtig beleuchtet.
 
 
Carl-Josef Kutzbach
Sonntag, 1. Februar 2026